Die Götter müssen verrückt sein… Die glorreiche 360-Grad-Kehrtwende in Handball-Deutschland 

Es ist vollbracht – oder erst einmal nicht vollbracht. Die vermeintlich größte flächendeckende Digitalisierungsoffensive beim DHB hat pünktlich zum Saisonstart seinen (vorläufigen) Rücktritt angetreten. Diese Gelegenheit der „Nichtanwendung“ hat dann auch der Baden-Württembergische Handball-Verband (BWHV) beim Schopf gepackt und die Einführung der neuen Wunder-Plattform Handball360 für den Verband und die vielen Mitgliedervereine ganz spontan „zunächst verschoben“. 

Damit beweist der BWHV echte Solidarität mit fast der Hälfte aller anderen Landesverbände, die ebenfalls den „Not-Aus“-Schalter gedrückt haben und mit deren bisher eingesetzten Verbandsprogrammen in die Saison 2026/27 starten werden. 

Handball360 – die Vision des DHB: Warum einfach, wenn es auch einheitlich geht? 
Dabei hatte sich der DHB das Ganze so schön ausgemalt. Die Absicht hinter Handball360 grenzt an pure Romantik: Man wollte dem föderalen Flickenteppich aus verschiedenen Verwaltungssystemen wie nuLiga oder handball4all durch eine bundesweit einheitliche Software ersetzen. Eine Software die jeden, vom Nationalspieler bis zum Zeitnehmer in der Bezirksklasse, nach einheitlichen Standards erfasst. Herrlich – so die Theorie! Denn zusätzlich soll das neue Verwaltungsprogramm den gesamten Spielbetrieb, das Passwesen, die Schiedsrichteransetzung und das Lizenzwesen in einer einzigen Oberfläche bündeln. Eine „eierlegende Wollmilchsau“ dessen Prunkstück die persönliche Handball-ID markieren soll. Künftig bekommt jeder in der Halle einen eigenen digitalen Account: Spieler, Trainer, Schiedsrichter und sogar die Eltern von Minderjährigen dürfen (und müssen!) sich mit einem aktuellen Passfoto im System verewigen; einzig die Zuschauer bleiben von der Datenkrake „Handball360“ verschont- noch!? Wer nicht registriert ist, existiert schlichtweg nicht und darf am Wochenende weder den Ball berühren noch die Pfeife in den Mund nehmen. 

Läuft bei Euch – oder? 
Wenn damit das „bisschen Mehraufwand“ für die Vereinsverantwortlichen gemeint wurde. Dann kann man dies mit einem klaren „Ja“ beantworten. Denn deren Aufgabe war es, über die Sommerpause, Spieler und Verantwortliche zu nerven, sich doch bitte zu registrieren. Und auch Eltern mussten in WhatsApp-Gruppen terrorisiert werden, dass diese endlich eine E-Mail-Adresse für ihre achtjährigen Nachwuchstalente anlegen. Dass das System bei der Registrierung dabei gerne mal verschiedene Parameter nicht erkannt oder vertauscht hat und eine Zuteilung der einzelnen Rollen dann nicht möglich war – geschenkt!  

Und jetzt? – Zurück in die Zukunft! 
Denn weil der DHB kurz vor dem Kollaps die Reißleine gezogen und versprochen hat, die Landesverbände, die noch keinen umfassenden „Vollzug“ melden konnten, nicht zu sanktionieren, darf beim BWHV nun vorerst weiter im bewährten System gearbeitet werden. Einzige Ausnahmen: Die 3. Liga und die Jugendbundesligen müssen zusätzlich im neuen System gepflegt werden – aber doppelte Datenpflege erhöht schließlich den Lerneffekt!  

Dieser vermurkste Software-Rollout ist jetzt schon ein meisterhaftes Possenspiel-will heißen: Die Saison 2027/28 kann kommen, denn schlimmer geht in diesem Fall nimmer, aber immerhin haben wir Handballvereine an der Basis jetzt ja ein Jahr Zeit, um die Passfotos der E-Jugend zu aktualisieren. Darüber hinaus bleibt die vage Hoffnung, dass diese kurzfristige Verschiebung der Starttermins nicht die letzte war – immerhin kennen wir uns in Baden-Württemberg ja mit Terminverschiebungen aus; man denke nur an ein Bahngroßprojekt in der Landeshauptstadt… 

Text von Matthias Braun